Vorlesungsreihe; Care Ökonomie – HSG Events

Vorlesungsreihe; Care Ökonomie

Gesellschaft und Geschlecht

Leitung Vorlesungsreihe / Prof. Dr. Christa Binswanger, Titularprofessorin für Gender & Diversity, Universität St.Gallen

Alle Menschen bedürfen der Zuwendung und der Pflege durch andere Menschen und die meisten Menschen lassen auch anderen Zuwendung und Pflege zukommen. Diese zwischenmenschlichen, in Beziehungen eingebetteten Handlungen werden als «Care-Arbeit» oder auch als Sorgearbeit bezeichnet. Care-Arbeit ist dabei ein zentraler Pfeiler unserer Wirtschaft: Derzeit wird in der Schweiz mehr unbezahlte Care-Arbeit als Lohnarbeit geleistet. Ohne diese tägliche unbezahlte Sorgearbeit könnten sich die entlohnten Arbeitskräfte nicht ausreichend ernähren, kleiden, wohlfühlen und erholen; noch könnten Kinder grossgezogen oder pflegebedürftige Menschen genügend versorgt werden. Zwei Drittel der unbezahlten Care-Arbeit übernehmen hierzulande Frauen*. Care-Arbeit prägt die Geschlechterverhältnisse in der Schweiz also zutiefst. Dies gilt auch im Berufsfeld der Care-Arbeit: Sie wird grösstenteils von Frauen* ausgeführt und schlechter entlohnt im Vergleich zu beispielsweise typisch männlich geltenden, technischen Berufen. Nicht selten übernehmen Care-Migrantinnen* schlecht entlohnte Arbeit in der Schweiz und hinterlassen im Herkunftsland eine Care-Lücke.

Aus juristischer Sicht stellt sich etwa die Frage, ob der Geschlechtereffekt auf das Berufsfeld der Care-Arbeit aus Sicht des Diskriminierungsverbots haltbar ist. Die Ökonomie wiederum richtet ihren Fokus auf Rentabilität – würde Care-Arbeit aufgewertet, würde dies Folgekosten oder Umverteilung nach sich ziehen. Ein weiteres Merkmal von Care-Arbeit besteht darin, dass sich ihre Qualität weder leicht messen noch gut planen lässt. Gleichwohl ist klar, dass die Rahmenbedingungen auf diese erleichternd oder erschwerend zurückwirken.

Diese Vorlesungsreihe geht dem Zusammenhang von Care, Ökonomie und Geschlecht nach – ein Zusammenhang, der in Zeiten von Corona eine besondere Aktualität erhalten hat.

* Mit dem Gender-Stern (*) wird auch die sogenannte dritte, nicht-duale Geschlechterkategorie angesprochen: Die Schreibweise Frauen* inkludiert alle Menschen, die sich identitär oder biologisch als Frau verstehen oder sich einem Zwischenraum zwischen Weiblichkeit und Männlichkeit zu ordnen.

 

ONLINE VORLESUNG

Donnerstag, 18.15 bis 19.45 Uhr

 

25. Februar 2021

Einführende Vorlesung: Zur Rolle, die ‚Care’ in unseren Leben spielt und wie Care, Geschlecht und Ökonomie zusammenhängen

Prof. Dr. Christa Binswanger, Titularprofessorin für Gender & Diversity, Universität St.Gallen

 

4. März 2021

Pflegen ohne Grenzen? Transnationale Care-Arrangements in Schweizer Privathaushalten

Dr. Sarah Schilliger, Soziologin, Universität Bern

 

11. März 2021

Die Aufwertung der Care-Ökonomie und die Service-public-Revolution: eine massgebende Symbiose

Beat Ringger, Autor und ehem. Geschäftsleiter Denknetz Schweiz

 

18. März 2021

Care Ökonomie: die grosse Ungerechtigkeitsmaschine

Mascha Madörin, Ökonomin, Mitinitiantin der Plattform Feministische Ökonomie

 

25. März 2021

Care-Arbeit und Führung: Geht das in Unternehmen?

Prof. Dr. Gudrun Sander, Competence Centre for Diversity and Inclusion, Universität St.Gallen

 

8. April 2021

Podium: Gender, Care und Ökonomie – Auf dem Weg zu einem neuen Wirtschaftsverständnis?

Prof. Dr. Julia Nentwich, Titularprofessorin für Psychologie, Universität St.Gallen (Moderation)

Dr. Ina Praetorius, postpatriarchale Denkerin

Hans Rusinek, Autor, Berater und Doktorand, Universität St.Gallen

Prof. Dr. Martin Kolmar, Ordentlicher Professor für Volkswirtschaftslehre, Universität St.Gallen

 

 

*Bildquelle: Flickr

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Dozierende dieser Öffentlichen Vorlesung

Prof. Dr. Christa Binswanger

Prof. Dr. Christa Binswanger ist Dozentin für Kulturwissenschaftliche Geschlechterforschung, Intersektionalität, Diversität und Inklusion, Care Ökonomie, Queer und Affect Studies, Sexualität, Sexual Script Theorie, Intimität, Gewalt und Narrative Identität an der Universität St. Gallen.

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Dr. Sarah Schilliger

Nach ihrem Studium in Soziologie, Politikwissenschaften und Philosophie an der Universität Zürich war Sarah Schilliger von 2006 bis 2016 (Ober-)Assistentin am Soziologischen Seminar der Universität Basel. 2017/18 forschte sie mit einem SNF Postdoc Mobility-Stipendium am Institut für Migrationsforschung und interkulturelle Studien (IMIS) an der Universität Osnabrück und am Centre for Refugee Studies an der York University/Toronto. Seit 2019 ist Sarah Schilliger assoziierte Forscherin am Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung (IZFG) der Universität Bern. Aktuell nimmt sie Lehraufträge wahr an den Universitäten Fribourg und Basel sowie im Internationalen Masterstudiengang ‘Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession’ in Berlin. Für ihre Dissertation ‘Pflegen ohne Grenzen?’ (2014) untersuchte sie ethnographisch die Arbeits- und Lebensrealitäten polnischer Care-Arbeiterinnen, die in Schweizer Privathaushalten pflegebedürftige Menschen rund um die Uhr betreuen. Sie setzte dabei die Herausbildung dieses prekären Arbeitsmarktes in einen Zusammenhang mit veränderten Geschlechterverhältnissen, aktuellen Umbrüchen im Migrationsregime sowie wohlfahrtsstaatlichen Restrukturierungen im Care-Bereich. In ihrer Postdoc-Forschung (Habilitation) untersucht sie Transformationen von Citizenship-Politiken und Aushandlungen um Teilhabe und soziale Rechte im Kontext von temporärer bzw. irregulärer Migration. Aktuell setzt sie sich mit lokalen Grenzpraktiken, ‘urban citizenship’ und der Entstehung neuer urbaner Rechtsregime im Umgang mit (irregulärer) Migration auseinander. Sarah Schilliger ist Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Rosa Luxemburg Stiftung.

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Autor Beat Ringger

Beat Ringger (* 1955 in Bern) ist Publizist und schreibt Bücher politischen Inhalts. Im Alter von 19 Jahren schloss sich Ringger der trotzkistischen Bewegung an und war anschliessend in linksgrünen Gruppierungen tätig. Ringger absolvierte nach der Matura eine Ausbildung zum Volksschullehrer, unterrichtete drei Jahre lang an der Oberstufe im Kanton Zürich und durchlief anschliessend eine Ausbildung zum Maschinenmechaniker. Er arbeitete zwei Jahre in einer geschützten Werkstatt für Behinderte und studierte danach Elektrotechnik am damaligen Technikum Winterthur. Anschliessend war er für zehn Jahre bei IBM Schweiz als Systems Engineer und Seminarleiter tätig, bevor er als Projektleiter zu den Gewerkschaften ging. Bis im Sommer 2015 war er Zentralsekretär bei der Gewerkschaft des öffentlichen Personals VPOD. Von 2004 bis 2020 arbeitete Ringger zudem auch als geschäftsführender Sekretär des sozialkritischen Schweizer Thinktanks Denknetz. Neuere Publikationen: Masst Euch an! Auf dem Weg zu einem offenen Sozialismus (2011); Care statt Crash. Sorgeökonomie und die Überwindung des Kapitalismus (Mitherausgeber, 2013); Reclaim Democracy (Mitherausgeber, 2019); Das System-Change-Klimaprogramm (2019); Die Service-public-Revolution (zusammen mit Cédric Wermuth, 2020).

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Ökonomin Mascha Madörin

Mascha Madörin, Ökonomin, lic.rer.pol., arbeitet gegenwärtig zu Wirtschaftstheorien und -analysen aus feministischer Sicht und zu öffentlichen Finanzen und Gender. Sie befasst sich vor allem mit Dynamiken der Sorge- und Versorgungswirtschaft und/oder Haushaltsökonomie im Zusammenhang mit der gesamten Wirtschaft. Sie war an einer Forschung der UNRISD (UN Research Institute for Social Development) zur Social and Political Economy of Care beteiligt, ebenso an zahlreichen Projekten zu geschlechtergerechten Budgetanalysen in der Schweiz. Für das Institut für Pflege der ZAWH befasste sie sich in einer Studie mit der Ökonomisierung des Gesundheitswesens aus der Sicht der Pflege.

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Prof. Dr. Gudrun Sander

Gudrun Sander ist Titularprofessorin für Betriebswirtschaftslehre mit besonderer Berücksichtigung des Diversity Management, Direktorin des Kompetenzzentrums für Diversity und Inklusion (www.ccdi-unisg.ch) und Direktorin an der Executive School of Management, Technology and Law der Universität St. Gallen. Mit ihrem Team von 30 Mitarbeitenden unterstützt sie Organisationen auf dem Weg zu mehr Chancengleichheit und Inklusion. Sie hat u.a. 2008 die Management-Weiterbildung „Women Back to Business“ initiierte. Gudrun Sander ist Mitglied der Women’s Empowerment Principles Leadership Group (WEPs LG) und ebenfalls der Principles for Responsible Management Education (PRME) Working Group für Gleichstellung der Geschlechter. Seit 25 Jahren setzt sie sich für Chancengleichheit, Frauenförderung und Inklusion ein. Sie ist Autorin zahlreicher Artikel und Bücher zum Thema.

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Prof. Dr. Julia Nentwich

Julia Nentwich forscht mit qualitativen Methoden und diskursanalytischen Zugängen zu Gender in Organisationen, Gleichstellung, Diversität und Veränderungsprozessen. Mit ihrem Projekt Leaders4equality.ch engagiert sie sich für den wichtigen Kulturwandel in Unternehmen hin zu mehr Chancengleichheit, Vielfalt und neuen Arbeitsformen. An der Universität St. Gallen lehrt sie Sozial- und Organisationspsychologie.

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Prof. Dr. Martin Kolmar

Martin Kolmar’s recent research interests cover three interrelated areas. First, he develops a comprehensive critique of the epistemic, ontological, and normative foundations of mainstream economics. The purpose of this critique is second to develop alternative normative foundations that are based on research from evolutionary psychology, psychology, neuroscience, and narratology. The findings from these areas reveal patterns of human behavior, perception, development, and wellbeing that are closely related to concepts from virtue ethics and that give rise to perceptions of individual wellbeing, the role of the individual and society, and economic policies that are radically different from mainstream economics. His third main focus is the development of a theory of the sublime in modern society. From its very beginning there have been two competing narratives regarding secular (post-) modernity, a positive story of success and a negative story of alienation and disenchantment. Whereas mainstream economics short circuits questions regarding meaning of life and purpose with the maximization of preferences, virtue ethics has to address these questions more directly. Interestingly, meaning seems to be very closely related to experiences of the sublime, and these experiences can also be used as a unifying concept to interpret several important processes in modern, western societies. The purpose of this project is to develop a theory of the societal and individual consequences of sublime experiences. His research brings together research from economics, philosophy (epistemology, ontology, aesthetics, and ethics), evolutionary psychology, psychology, neuroscience, and narratology.

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Dr. Ina Praetorius

Ina Praetorius studierte ab 1976 evangelische Theologie und Germanistik in Tübingen, Zürich und Heidelberg. Von 1983 bis 1987 war sie wissenschaftliche Assistentin bei Hans Ruh am Institut für Sozialethik der Universität Zürich. 1992 promovierte sie an der theologischen Fakultät Heidelberg mit einer Dissertation zum Thema Anthropologie und Frauenbild in der deutschsprachigen protestantischen Ethik seit 1949; dies, nachdem ihre Promotion an der Universität Zürich abgelehnt worden war. Darin belegte sie, dass die Autoren ethischer Lehrbücher von 1949 bis Mitte der 1980er Jahre nahezu ausschliesslich den bürgerlichen weissen Mann meinten, wenn sie über „den Menschen“ schrieben. Das Buch gehört inzwischen zur Grundlagenliteratur der Geschlechterforschung in der evangelischen Theologie. Seit 1987 arbeitet Ina Praetorius als freie Autorin und Referentin. Sie hatte Lehraufträge für Theologische Ethik und Gastvorlesungen an den Universitäten Zürich, Basel, Bern, Fribourg, Freiburg im Breisgau und Berlin. Den im Jahr 2015 in St. Gallen gegründeten Verein WiC (Wirtschaft ist Care) hat sie mitinitiiert. Zu den Themen Care-Arbeit, Care-Ethik und Wirtschaftsethik publiziert sie und hält Vorträge. Sie engagiert sich für das Bedingungslose Grundeinkommen.

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Doctorate candidate Hans Rusinek

Hans Rusinek ist Berater und Autor zu sozial-ökologischer Transformation und der Zukunft der Arbeit. Er promoviert im Programm Organisation und Kultur bei Prof. Dr. Beschorner (IWE-HSG). Davor arbeitete er als Organisationsberater, wo er die Purposeberatung der Boston Consulting Group mitaufbaute und Unternehmen half ihre soziale Rolle herauszuarbeiten. An Debatten zwischen Wirtschaft und Gesellschaft beteiligt er sich etwa in BrandEins oder dem Deutschlandfunk. Für seinen Essay zu Grenzen marktwirtschaftlicher Prinzipien gewann er den Förderpreis für Wirtschaftspublizistik der Ludwig-Erhard-Stiftung. Ehrenamtlich engagiert er sich im ThinkTank30 des Club of Rome Deutschland. Er studierte VWL, Philosophie und Politik an der LSE und in Bayreuth.

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